Vom pommerschen Gutsland zum Brennpunkt der Luftfahrtgeschichte
Tutow liegt in Vorpommern, zwischen Demmin und Jarmen, rund zehn Kilometer östlich von Demmin und etwa 1,2 Kilometer westlich des Ortes. Die Landschaft ist weit, eben und landwirtschaftlich geprägt. Heute lässt sich leicht übersehen, wie stark sich dieser Raum innerhalb weniger Jahrzehnte verändert hat. Wo sich vor dem Flugplatzbau ein Gutshof mit einer vergleichsweise kleinen Einwohnerschaft befand, entstand ab 1932 ein weitläufiger militärischer Luftfahrtstandort mit Flugfeldern, Werkstätten, Unterkünften und eigener Versorgungsstruktur.
Die Entwicklung des Flugplatzes steht beispielhaft für die deutsche Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts. Aus zunächst verdeckten Aktivitäten der nationalsozialistischen Aufrüstung wurde ein bedeutendes Ausbildungs- und Erprobungszentrum der Luftwaffe. Nach Kriegsende folgten Demontage, sowjetische Besetzung, Nutzung durch die NVA und eine weitere militärische Ausbauphase im Kalten Krieg. Seit den 1990er Jahren wird das Areal zivil genutzt. Damit ist Tutow heute zugleich Verkehrslandeplatz, regionale Luftfahrtbasis und historisches Denkmalensemble. Wer sich über die Geschichte und heutige Nutzung des Flugplatzes Tutow informiert, begegnet deshalb nicht nur Technik, sondern auch den politischen Brüchen, die diesen Ort geprägt haben.
Geheime Ursprünge und der Ausbau als Große Kampffliegerschule
Die Anfänge des Flugplatzes fielen in eine Zeit, in der Deutschland den Aufbau militärischer Luftstreitkräfte zunächst verschleierte. Nach den Beschränkungen des Versailler Vertrags wurden Einrichtungen häufig unter ziviler Bezeichnung geführt. In Tutow dienten frühe Aktivitäten unter anderem dem Deutschen Luftverkehr beziehungsweise der Deutschen Verkehrsfliegerschule als Tarnung. Ab 1934 kam eine verdeckte Funkversuchs- und Funkrichtungsanlage hinzu. Auch Lufthansa-Flugzeuge wurden für Aufgaben bereitgestellt, die dem Aufbau der Luftwaffe dienten. Nach außen konnte der Standort damit als zivile Luftfahrteinrichtung erscheinen, während sich im Hintergrund bereits militärische Strukturen entwickelten.
Der Flugplatz bestand aus zwei räumlich getrennten Bereichen. Das südliche Flugfeld lag nahe Tutow, das zweite befand sich nordwestlich bei Wittenwerder. Diese Aufteilung bot betriebliche Vorteile, weil Ausbildungs-, Erprobungs- und Einsatzaufgaben voneinander getrennt werden konnten. Im März 1935 nahm die Bombenschule ihren Betrieb auf. Aus dieser Einrichtung entwickelte sich die Große Kampffliegerschule 1. Im weiteren Verlauf kamen Beobachterschulen und andere fliegerische Verbände hinzu. Ein Standortverzeichnis des Lexikons der Wehrmacht dokumentiert zahlreiche Umbenennungen, Neuaufstellungen und Verlegungen, die den wechselnden militärischen Aufgaben Tutows entsprechen.
Der Ausbau ging deutlich über die Anlage von Start- und Landeflächen hinaus. Tutow wurde als weitgehend autarke Garnison geplant. Dazu gehörten unter anderem:
- Flugzeughallen und technische Werkstätten
- Unterrichts- und Verwaltungsgebäude
- Kasernen und Wohnhäuser für das Personal
- Sportanlagen, Badeeinrichtungen und ein Offizierskasino
- Versorgungswege und ein Anschluss an das Eisenbahnnetz
- eine Siedlungsstruktur, aus der sich Teile des heutigen Ortes entwickelten
Insgesamt entstanden zwölf Flugzeughallen. Die Garnison wuchs auf ungefähr 3.000 Angehörige an und prägte damit nicht nur das Flugfeld, sondern auch das soziale und bauliche Umfeld. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Tutow außerdem in die industrielle Flugzeugproduktion einbezogen. In Hallen des südlichen Flugfelds wurden ab 1943 Focke-Wulf-Fw-190-Jagdflugzeuge endmontiert und anschließend vor Ort eingeflogen. Der Übergang von Ausbildung zu Produktion und Erprobung zeigt, wie eng militärische Infrastruktur und Rüstungsindustrie miteinander verbunden waren.

Zerstörung und Nachkriegsnutzung im Zeichen des Kalten Krieges
Die militärische Bedeutung machte Tutow im Zweiten Weltkrieg zu einem Ziel alliierter Angriffe. Das Areal wurde 1944 mindestens viermal von Verbänden der US-amerikanischen Eighth Air Force angegriffen. Der erste schwere Angriff erfolgte im Februar mit 105 B-17-Bombern, später folgten Einsätze mit B-24-Bombern. Die Schäden betrafen Flugplatzanlagen, technische Einrichtungen und Produktionsbereiche. In den letzten Kriegsmonaten blieb Tutow dennoch ein aktiver militärischer Standort. Verschiedene Jagd-, Transport-, Aufklärungs- und Bombereinheiten nutzten die Flugfelder. Eine aus Ju-352-A-Flugzeugen gebildete Transporteinheit sollte sogar zur Versorgung Berlins beitragen.
Die Rote Armee besetzte den Flugplatz Ende April beziehungsweise am 1. Mai 1945. In den Jahren 1947 und 1948 wurden große Teile der technischen Anlagen demontiert und als Reparationsleistung abtransportiert. Nach einer vorübergehenden Nutzung von Gebäuden für Flüchtlinge und Vertriebene begann bald eine neue militärische Epoche. Die sowjetischen Streitkräfte bauten den Flugplatz wieder aus und verlängerten die Start- und Landebahn auf etwa 2.200 Meter, um den Betrieb von Strahlflugzeugen zu ermöglichen. Später wurde der Standort gemeinsam mit der Nationalen Volksarmee genutzt. Die sowjetischen Truppen verließen Tutow 1993, die militärische Garnisonsgeschichte endete damit nach mehreren Jahrzehnten.
| Epoche | Prägende Nutzung | Bauliche Merkmale |
|---|---|---|
| 1930er Jahre | Verdeckte Flugausbildung und Aufbau der Luftwaffe | Zwei Flugfelder, Kasernen, Hallen und Unterrichtsgebäude |
| 1935 bis 1945 | Große Kampffliegerschule, Verbandsbetrieb und Flugzeugerprobung | Werkstätten, Produktionshallen, technische Infrastruktur |
| 1945 bis 1948 | Sowjetische Besetzung und Demontage | Abbau großer Teile der Industrie- und Flugplatzanlagen |
| 1950er bis 1993 | Sowjetische und NVA-Nutzung im Kalten Krieg | Verlängerte Startbahn, militärische Betriebs- und Unterkunftsbereiche |
| Seit den 1990er Jahren | Ziviler Verkehrslandeplatz und allgemeine Luftfahrt | Erhaltene Relikte, modernisierte Betriebsflächen und zivile Infrastruktur |
Der zivile Neuanfang als Verkehrslandeplatz und regionale Basis
Nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte stand die Frage im Raum, wie mit den großen, teilweise belasteten Flächen umzugehen sei. Mitte der 1990er Jahre erkannten einzelne Luftfahrtinteressierte, dass die vorhandenen Pistenanlagen eine zivile Perspektive boten. 1995 wurde der geschlossene Flugplatz während eines Urlaubsfluges wieder in den Blick genommen. Danach begannen Gespräche mit der Gemeinde und dem Eigentümer. Im April 1997 stimmte der Gemeinderat der Wiederaufnahme des Flugbetriebs grundsätzlich zu.
Der Weg zurück zum öffentlichen Flugbetrieb war allerdings nicht kurzfristig zu bewältigen. Für die erste genehmigte Landung im Mai 1997 war eine besondere Erlaubnis erforderlich. Parallel wurden die Betriebsanlagen schrittweise instand gesetzt. Dazu gehörte beispielsweise der Austausch der Verglasung am Tower. Auch Gebäude, Rollwege und die eigentliche Start- und Landebahn mussten überprüft und hergerichtet werden. Der UL-Pilot Frank Lück unterstützte die Aufbauarbeit ab 1999. Private Arbeitsleistung und erhebliche Eigenmittel spielten eine wichtige Rolle, bevor die formale Genehmigung für den dauerhaften Betrieb erreicht wurde.
Am 28. März 2002 wurde die Wiederaufnahme des Betriebs genehmigt. Die Entwicklung zum Verkehrslandeplatz wurde anschließend weitergeführt; die offizielle zivile Eröffnung wird für den 28. März 2003 angegeben. Bis 2006 hatte sich Tutow zu einem ruhigen, überregional beachteten Ziel für die allgemeine Luftfahrt entwickelt. Besucher aus Deutschland und anderen Ländern der Europäischen Union kamen regelmäßig, häufig auch wiederholt. Für Piloten ist der Standort vor allem wegen seiner historischen Größe und der offenen Landschaft Vorpommerns interessant. Vor einem Flug sollten jedoch stets die aktuell gültigen Betriebszeiten, Platzinformationen, Landegebühren, Funkverfahren und möglichen Einschränkungen geprüft werden.
- Die Lage befindet sich westlich von Tutow und östlich von Demmin.
- Die Anreise mit dem Fahrzeug erfolgt regional über das Straßennetz rund um Tutow und die Bundesstraße B 110.
- Piloten sollten aktuelle Luftfahrtinformationen und die veröffentlichten Platzverfahren heranziehen.
- Für Rundflüge, Treffen oder Veranstaltungen empfiehlt sich eine vorherige Abstimmung mit dem Platzbetreiber.
- Historische Bereiche dürfen nur betreten werden, wenn dies ausdrücklich erlaubt und sicher möglich ist.
Der zivile Betrieb hat dem ehemaligen Militärgelände eine neue Funktion gegeben, ohne seine Vergangenheit vollständig zu überdecken. Flugzeuge der allgemeinen Luftfahrt, Ultraleichtflugzeuge und gelegentliche Besucher aus der Luft nutzen heute Räume, die einst von militärischer Geheimhaltung, Ausbildung und Einsatz geprägt waren. Gerade diese Verbindung von praktischer Infrastruktur und Geschichte macht Tutow für Luftfahrtbegeisterte besonders anschaulich.
Spurensuche auf dem Rollfeld für geschichtsinteressierte Besucher
Wer Tutow besucht, sollte den Flugplatz nicht als geschlossenes Museum mit vollständig beschildertem Rundgang verstehen. Das historische Zeugnis liegt vielmehr in einer weitläufigen Landschaft, in der verschiedene Zeitschichten nebeneinander bestehen. Erhalten oder zumindest in Teilen überliefert sind Hangars, Hallenböden, Baracken, Kasernengebäude und Reste technischer Einrichtungen. Manche Strukturen wurden umgenutzt, andere sind stark verändert oder nur noch anhand von Fundamenten und Geländekanten zu erkennen. Die fotografische und dokumentarische Arbeit regionaler Initiativen trägt dazu bei, diese Spuren einzuordnen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der ehemalige Friedhof beziehungsweise der Bereich der Kriegsgräber. Nach Angaben des Denkmalprojekts zu Tutow wurden dort Soldaten bestattet, die während der Flugausbildung oder bei Kriegseinsätzen ums Leben kamen. In der früheren Kirche sollen sich etwa 30 bis 40 Gräber befunden haben; 38 Namen sind bekannt, die tatsächliche Zahl der Toten dürfte höher gelegen haben. Die Kirche wurde später abgebrochen. Da sich nicht mehr zuverlässig feststellen lässt, ob einzelne erhaltene Grabsteine noch über den ursprünglichen Gräbern stehen, wurde der Ort als Kriegsgräbersammlungsstätte gestaltet. 2008 errichteten Anwohner, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Fliegerclub Mecklenburg-Vorpommern dort eine Gedenkstätte an der B 110.
- Informieren Sie sich vor dem Besuch über Zugangsrechte, Betriebszeiten und mögliche Veranstaltungen auf dem Flugplatz.
- Bleiben Sie auf freigegebenen Wegen und halten Sie ausreichend Abstand zu aktiven Betriebsflächen, Fahrzeugen und Luftfahrzeugen.
- Betreten Sie Gebäude, Hallen oder Bunker niemals ohne ausdrückliche Genehmigung. Einsturzgefahr, offene Schächte, Glas, Schadstoffe und nicht erkennbare militärische Altlasten sind möglich.
- Behandeln Sie Grabstätten und Gedenksteine mit Ruhe und Respekt. Fotografieren ist möglich, sollte aber der Würde des Ortes entsprechen.
- Nutzen Sie für historische Recherchen regionale Archive, Vereine und fachkundige Führungen, statt selbstständig gesperrte Bereiche zu erkunden.
Auf dem Gedenkgelände erinnern eine Tafel mit den bekannten Namen und einzelne Steine an die Toten. Ein weiterer Stein gilt der Besatzung eines Flugzeugs, das am 15. Dezember 1942 abstürzte und in einem Sammelgrab beigesetzt wurde. Ein vermutlich nach dem Krieg gesetzter Stein mit Friedenstaube und einem Text über Schutz unter göttlichen Flügeln setzt dazu einen bewusst anderen Akzent. Die Gedenkstätte macht sichtbar, dass Flugplatzgeschichte nicht nur aus Technik, Organisation und baulicher Entwicklung besteht. Sie umfasst auch die menschlichen Verluste, die mit Ausbildung, Krieg und militärischer Nutzung verbunden waren.
Luftfahrtgeschichte in Vorpommern bewusst erleben und bewahren
Flugplatz Tutow steht für einen ungewöhnlich dichten historischen Wandel. Innerhalb von weniger als einem Jahrhundert entwickelte sich der Ort vom beschaulichen Gutsland zu einem geheim aufgebauten Luftwaffenstandort, einem Ausbildungs- und Erprobungszentrum, einem umkämpften Kriegsschauplatz und einem sowjetisch sowie ostdeutsch genutzten Militärflugplatz. Seit dem zivilen Neuanfang dient das Areal wieder dem Fliegen unter friedlichen Bedingungen. Start- und Landebahnen, Betriebsgebäude und Landschaft bilden dabei ein sichtbares Archiv, in dem sich politische und technische Veränderungen ablesen lassen.
Die Bewahrung dieses Erbes hängt nicht allein von großen Museen oder staatlichen Denkmalschutzbehörden ab. Lokale Initiativen, Luftfahrtvereine, engagierte Anwohner und fachkundige Dokumentationsprojekte leisten wichtige Arbeit, indem sie Namen sichern, Gebäude erfassen, Erinnerungsorte pflegen und Besucher informieren. Für Gäste und Luftfahrer bietet Tutow damit eine besondere Möglichkeit: Der Standort lässt sich als aktiver Verkehrslandeplatz erleben und zugleich als historischer Ort mit der gebotenen Aufmerksamkeit erkunden. Wer aktuelle Betriebsregeln beachtet, Sperrbereiche respektiert und Gedenkstätten würdig behandelt, kann die Luftfahrtgeschichte Vorpommerns sachkundig, sicher und mit ruhiger Neugier kennenlernen.
